Und jetzt husten Sie bitte mal ins Mikro

Gerade, wenn es um die Gesundheit der Menschen geht, sind wir große Freunde der lückenlosen Dokumentation. Unmengen an Arztbriefen wechseln täglich die Besitzer und jedes Laborergebnis, jedes EKG, jeder Pathologiebefund und jeder Röntgenbefund wird mehrmals ausgedruckt und abgeheftet. Papierhafte Dokumentation ist das A und O und gerade im medizinischen Bereich, sei es nun bei Hausärzten, Fachärzten oder Krankenhäusern, tun sich oftmals schwer damit, im digitalen Zeitalter anzukommen.

Es ist noch gar nicht allzu lange her, da war es noch durchaus gebräuchlich, standardmäßig jede Röntgenaufnahme, jedes CT und jedes MRT auf Zelluloid auszudrucken und dem Patienten für den überweisenden Arzt mitzugeben. Selbstverständlich inkl. des auf Papier ausgedruckten Befunds und Arztbriefs. Selbst in Krankenhäusern, wo die Kommunikation ja letztlich intern abläuft. In der Ausbildungszeit des Autors, der als Med. techn. Assistent in der Radiologie (MTRA) ausgebildet ist, waren digitale Speicherungs- und Abrufsysteme für Röntgenbilder, CTs, MRTs, PETs und co. noch Zukunftsmusik – leisten konnten sich das nur große Kliniken und die Einführung gestaltete sich schleppend. Nicht nur, dass es eine Kostenfrage war, man musste auch harte Überzeugungsarbeit leisten. Für viele Radiologen und MTRA war es unvorstellbar, statt auf ein großes, auf Zelluloid belichtetes Röntgenbild auf einen Computerbildschirm zu starren. Computer waren damals – damals, das ist rund 20 Jahre her – noch etwas, dass nicht zwingend jeder zu Hause hatte. Nun war der Autor ja schon immer technikaffin und hatte mit 5 Jahren bereits seinen ersten Computer zu Hause und war tatsächlich sehr offen für die Möglichkeiten, die die Digitalisierung in dem Bereich bot.

Einfache Verfügbarkeit, platzsparende Lagerung, weniger Papierverbrauch

Warum es Spaß macht, in der Radiologie der DRK Kliniken Berlin Westend zu  arbeiten - Karriereportal DRK Kliniken Berlin
Bild: DRK Kliniken Berlin

Im Grunde hatte dieses neumodische Teufelszeug, wie es einer der Chefärzte im Uniklinikum damals nannte, nämlich nur Vorteile. Über das PACS (Picture Archiving and Communication System) konnten die Röntgenbilder direkt nach der Freigabe durch den Radiologen im gesamten Klinikum an jeder Computerstation des Hauses abgerufen und eingesehen werden. Das sparte Papier für den Befund, denn der wurde in einem weiteren System in einer zentralen Datenbank des Klinikums abgelegt und war somit ebenfalls für jeden, der ihn brauchte, zentral abrufbar. Auch sparte man sich die Zelluloidausdrucke der Bilder, die je nach Aufnahme einfach ziemlich groß waren. Auch konnte man im Viewingprogramm die Bilder – sofern nötig und je nach Geschmack des Betrachtenden – auch nochmals nachbearbeiten: Belichtung, Kontrast und Schärfe konnten nachjustiert werden, man konnte in bestimmte Bereiche hineinzoomen und Bildabschnitte einzeln in größerer Detailstufe betrachten und beurteilen. Auch die MTRAs freute das: an den volldigitalen Thoraxstationen (Festkörperdetektoren) zum Beispiel entfiel auch das Schleppen der großen und umständlichen Filmkassetten.

Heute setzen sich diese Systeme mehr und mehr durch und kosten auch nicht mehr so viel wie damals noch, so dass selbst kleinere Krankenhäuser und niedergelassene Radiologen sich häufig volldigitale Röntgenstationen leisten können. Die umständlichen, oft unhandlichen und teilweise auch schweren Kassetten gehören damit mehr und mehr der Vergangenheit an.

Jetzt könnte man meinen, das alles sei doch heute aber keine Frage mehr. Falsch gedacht. Noch 2018 hatten einzelne Häuser immer noch enorme Probleme damit, auf digital umzusatteln, wie dieser Artikel aus dem Ärzteblatt schön beschreibt. Es mutet schon seltsam an, zu lesen, dass viele Bedenken und Kommentare der “Betroffenen” sich auch 2018 noch so lesen, wie sie sich damals für den Autoren in den 2000ern noch angehört hatten.

Vereinfachte Kommunikation spart Papier, Platz und Stress

Aber auch für den Patienten selbst ergaben sich mit dem Fortschritt der Digitalisierung enorme Vorteile und Möglichkeiten. Gegen eine geringe Gebühr konnte man sich nach Einführung der digitalisierten Systeme sein CT oder MRT auf eine CD brennen lassen. Eine enorm abgespeckte Version des medizinischen Viewingprogramms wurde auf dieser mitinstalliert und so konnte sich der Patient seine Aufnahmen zu Hause auf dem heimischen Computer selbst anschauen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/31/RadiAnt_DICOM_Viewer.jpg
DICOM Viewer, Bild: Wikipedia

Man kann sich diesen “DICOM Viewer” z.B. auch einfach so herunterladen, kurze Internetrecherche genügt. Natürlich ist dies nicht nur für Patienten spannend (“Oh, so schaut das also in mir aus…”), sondern schlicht auch für den Hausarzt angenehmer, als Tausende von Zelluloidfilmen in einem praxiseigenen Archiv lagern zu müssen. Denn einfach wegwerfen darf er die, nachdem er sich das Bild angesehen und seine Diagnose gestellt hat, ja nicht. Röntgenbilder müssen – wie viele andere medizinischen Dokumente – bei über 18-jährigen Patienten mindestens 10 Jahre aufbewahrt werden.

Da es aber nicht nur ein Set von Verordnungen und Regeln gibt, ergeben sich oftmals verwirrende Fristendschungel. So muss dasselbe Bild, das grundsätzlich nach 10 Jahren eigentlich weg könnte, wegen der Röntgenverordnung, der Strahlenschutzverordnung und letztlich auch wegen §199 Abs. 2 BGB letztlich 30 Jahre aufbewahrt werden. Je nach Patientendichte des niedergelassenen Arztes kann da schon mal ganz schön viel zusammenkommen. Nun entfällt natürlich keine dieser Pflichten mit der Digitalisierung; allerdings nehmen auch große Festplatten oder SSDs mit viel Speicherplatz bei Weitem nicht so viel Platz in Anspruch, wie es Tausende von Zelluloidfolien tun.

Zudem entfallen mit den Möglichkeiten digitaler Kommunikation auch Unsummen an Ausdrucken. Vernünftig eingesetzt, könnten digitale Kommunikation, digitalisierte Rezepte und Überweisungen und eine zentrale Möglichkeit, Patientendaten sicher und geschützt abzulegen und abzurufen, uns Unsummen an papierhafter Dokumentation ersparen. Statt dem Apotheker ein Stück Papier in die Hand zu drücken, könnte man einfach auf eine Rezeptnummer, die man vom verschreibenden Arzt bekommen hat, verweisen und der Apotheker könnte diese in seinem System direkt einsehen. Oder man bekommt das Rezept vom Arzt, beispielsweise als .pdf Datei, per Mail geschickt, welche einen QR Code enthält, den der Apotheker dann einscannen kann.

Die Voraussetzungen für Verbesserungen schaffen: Ausbau der Infrastruktur

Auch der Arztbesuch selbst könnte sich völlig verändern. Mit Einzug der Telemedizin könnten viele simple Arztbesuche, bei denen der Arzt ohnehin nicht mehr tut, als ein Stück Papier mit einem Datum zu beschriften (beispielsweise eine Krankschreibung wegen eines grippalen Infektes), auch völlig ohne tatsächliche Anwesenheit beim Arzt vonstatten gehen. Machen wir uns nichts vor: die Diagnose eines grippalen Infektes ist keine Raketenwissenschaft und wann hat Ihr Arzt sie das letzte Mal bei einem solchen ausführlich und umfassend untersucht? Und den Satz “Trinken Sie viel, ruhen Sie sich aus und in einer Woche sollte das dann vorbei sein.” kann ein Arzt problemlos auch in einer Videokonferenz, einem Skypecall oder gar am Telefon sagen. Dafür muss man nicht zwingend erstmal in einem Wartezimmer, das im schlimmsten Fall voll mit weiteren schniefenden und hustenden, bazillenschleudernden Patienten ist, sitzen. Selbstverständlich lässt sich nicht jeder Arztbesuch dadurch ersetzen, mal eben einen Videocall zu machen.

Langfristig jedoch würden alle Beteiligten von der Reduktion der papierhaften Dokumentation und Kommunikation profitieren. Telemedizin spart Platz, schont die Umwelt durch Einsparung all des Papiers für Rezepte, Befunde und Arztbriefe und kann eben auch Wege sparen, die ansonsten mit Autos oder öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt würden.

Voraussetzung hierfür ist natürlich, wie so häufig, ein weiterer Ausbau der hierzu notwendigen Infrastruktur. Mit einer schnellen und stabilen, flächendeckenden Breitbandverbindung ließen sich Unmengen an Papierbergen einsparen, nicht nur in der Medizin. Das ist bequemer und verkürzt auch enorm viele Wege zwischen Patient, Arzt, Facharzt und Apotheke. Zudem ermöglicht eine schnelle, stabile Verbindung einen zügigen Datentransfer. Wer schnell und zuverlässig viele Daten transportieren kann, wird schnell die Vorteile einer papierlosen Dokumentation und Datenspeicherung zu schätzen lernen. Dies schafft Platz, ist besser für die Umwelt und mit entsprechend vernünftig gestalteter Software angenehmer und übersichtlicher für den Patienten und die Ärzte, Apotheken und andere involvierte medizinische Fachbereiche. Dies alles hätte auch weitreichenden Einfluss auf viele andere Bereiche; so könnte dies zum Beispiel eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze schaffen, denn all diese Webinterfaces und Systeme müssten natürlich erstmal entwickelt – falls noch nicht existent – und dann gewartet werden. Zudem müssen Fachleute sich stetig damit befassen, dass diese Systeme datensicher bleiben. Gerade beim Thema Medizin und gesundheitliche Daten von Patienten ist es natürlich unerlässlich, dass diese Systeme einen guten und umfassenden Datenschutz und eine ausreichende Datensicherheit bieten.

Eine große Aufgabe liegt vor uns

Digitalisierung ist eine riesige Aufgabe und jeder einzelne Teilbereich, in dem wir die Digitalisierung zu unserem Nutzen einsetzen können, ist in sich schon nicht winzig und auch nur selten einfach. Es gibt viele Stolpersteine zu beachten und nicht selten ist der erste Stolperstein, an dem es dann oft schon hapert, der Mensch, der das ja schon immer so gemacht hat und nicht versteht, warum man daran jetzt etwas ändern sollte.

Die Antwort ist indes simpel. Allein schon, indem wir die papierhafte Dokumentation und Kommunikation digitalisieren, vereinfachen und den Austausch von Informationen zwischen Ärzten, Fachärzten und Apotheken schneller und bequemer gestalten, sparen wir eine Vielzahl an Dingen ein, die jedem Beteiligten und vor Allem den Patienten zu Gute kommt:

  • Zeit, die Ärzte nicht mehr mit Schreibarbeit zubringen müssen, sondern in den Patienten investieren können
  • vereinfachte Arbeitsabläufe führen dazu, dass Fachärzte weniger überlastet sind und somit letztlich auch wieder mehr Facharzttermine zu bekommen sind, ohne Monate darauf warten zu müssen
  • digitale Datenspeicherung spart Papier und schlicht Lagerplatz ein
  • digitale Kommunikation spart Zeit, ist direkter und der überweisende Arzt kann zeitnah auf Konsiliarbefunde und co. zugreifen, nämlich sobald der Facharzt sie in der zentralen Datenbank abgelegt hat
  • durch Telemedizin kann die Ansteckungsgefahr in Wartezimmern verringert werden, zudem sparen sich Patienten Fahrtwege zur Praxis und können im Bett bleiben

Wie immer, gibt es natürlich auch hier Stolpersteine und Fallen. Immer, wenn wir Daten über digitale Verbindungen transportieren, müssen wir bedenken, dass alles angreif- und abfangbar ist. Datenschutz und Datensicherheit müssen immer in unserem Hinterkopf sein und jede Lösung muss konstant und regelmäßig darauf überprüft werden, ob diese hier noch gewährleistet sind. Das ist völlig klar und unerlässlich.

Am Ende überwiegen jedoch klar die Vorteile. Die Aufgabe ist groß und kann erschreckend, wenn nicht gar abschreckend, wirken. Wir möchten sie dennoch gerne angehen, den die Vorteile sprechen eindeutig für sich.

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