Digitalisierung und Deutschland – das geht zusammen

Digitalisierung, Innovation, Fortschritt und Deutschland stehen miteinander auf Kriegsfuß. Das fängt bereits im Kleinen an: kaum ein Volk besteht nach wie vor dermaßen auf Barzahlung, wie die Deutschen. Nach einer Statistik von de.statista.com liegt Deutschland bei den Kartenzahlungen je Einwohner in den Mitgliedsländern der EU im Jahr 2019 weit abgeschlagen auf dem 24. Platz. Dahinter kommen nur noch Griechenland, Italien, Rumänien und Bulgarien. Der Deutsche mag keine Kartenzahlung. Das sieht man auch jedes Mal, wenn man im Supermarkt, beim Bäcker oder anderen Geschäften für Kleinstbeträge die Karte zückt. Während die Verkäufer mittlerweile kaum noch mit der Wimper zucken, seufzen mitunter die Menschen, die hinter einem in der Schlange stehen, denn jeder weiß: der mit der Karte braucht länger. Tatsächlich ist da sogar etwas dran: Studien zufolge ist die Zahlung mit Bargeld im Schnitt ca. 7-10 Sekunden schneller als mit Karte und Eingabe der PIN-Nummer. Statistiken zufolge ist Bargeld bis zu Beträgen von unter 100€ die schnellste Methode, erst ab 100€ dauert die Barzahlung signifikant länger, als die kontaktlosen Möglichkeiten wie beispielsweise EC Karte oder Smartphone (Apple Pay, Google Pay, etc.).

Warum aber ist Barzahlung schneller?

Dazu gibt es mehrere Theorien. Eine gängige Annahme besagt, dass man beim Bäcker oder im Laden bei Kleinstbeträgen um die 10-20€ auf den Endbetrag besser vorbereitet ist und somit die passenden Scheine und Münzen schneller zur Hand hat. Die Tatsache, dass bei Beträgen ab 100€ die Barzahlung signifikant länger dauert, scheint diese These zu unterstützen. Oft mag es auch an der Verbindung zur Bank liegen; nicht selten steht man am Gerät, hat längst die PIN eingegeben und warten dann noch 5-10 Sekunden, bis endlich das erlösende “Zahlung erfolgt” auf dem Display erscheint.

Barzahlung ist aber nicht nur schneller, ihr haftet auf der Nimbus der “sichereren Bezahlmethode” an. Man wisse schließlich genau, wieviel Geld man herausgebe, wenn man das Bargeld direkt in der Hand hat. Das sei sicherer, aber auch besser für einen vernünftigen und kontrollierten Umgang mit Geld. Dadurch, dass man buchstäblich Geld in die Hand nimmt und weggibt, habe man ein besseres Gefühl dafür, dass man tatsächlich mit der Zeit immer weniger davon hat. Kartenzahlung oder mittlerweile die Zahlung via PayPal, Google Pay oder Apple Pay gehen hingegen wesentlich bedenkenloser von der Hand und man muss aktiver prüfen, wieviel Geld man noch hat. Wer also nicht besonders gut im Umgang mit Geld ist, könnte da in der Tat in Schwierigkeiten geraten.

Schnelles Internet in Deutschland – oft nur ein Wunschtraum

Eine schnelle Verbindung wäre nicht nur für die bargeldlose Zahlung besser. Innovationen und Fortschritt kommen meistens dann am Besten bei den Menschen an, wenn sie einen Nutzen mit sich bringen. Oftmals ist dieser Nutzen, dass etwas bequemer, mit weniger Aufwand oder eben schneller geht. Auf dem sehr geduldigen Papier der Werbung gibt es in Deutschland sehr schnelles Internet und tatsächlich muss man zugeben: die Glücklichen unter uns, wie zum Beispiel der Autor, erleben das Internet in Deutschland mit bis zu 1 Gbit/s, dank FTTH. Das ist allerdings nicht ganz billig und möglich ist das bei Weitem noch nicht flächendeckend. Der Glasfaserausbau läuft, wenn überhaupt, dann doch sehr schleppend. Die herkömmlichen Kupferkabel geben mitunter an vielen Stellen in Deutschland noch nicht einmal die in den niedrigsten Tarifen genannten “bis zu 16 MBit/s” her. Bis zu 16 MBit/s, das heißt für viele Kunden, die noch mit den alten Kupferkabeln auskommen müssen, dass sie mit Glück mal einen Downstream von vielleicht 2 MBit/s erreichen und eigentlich mit LTE besser bedient wären.

In der Statistik für Mai 2021 des Speedtestanbieters Ookla erreicht Deutschland unter allen Teilnehmern beim Mobilen Internet lediglich Platz 29, weit abgeschlagen hinter den Spitzenreitern Vereinigte Arabische Emirate, Südkorea und Qatar. Bei der Festnetzanbindung sieht es nicht wesentlich besser aus, hier führen die Top 3 Singapur, Hong Kong und Monaco an, während Deutschland einen traurigen Platz 35 der Liste einnimmt.

Für den Wirtschaftsstandort Deutschland wäre schneller besser

Für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist es nicht unerheblich, ob man hier richtig schnelles Internet bekommen kann oder nicht. Gerade für Softwarefirmen, Dienstleister und Unternehmen, die große Mengen an Daten zwischen ihren einzelnen Standorten bewegen müssen, sind schnelle Datenverbindungen wichtig. Das Tragische hieran ist, dass wir eigentlich zu den Spitzenreitern gehören könnten. Bereits in den frühen 1980er Jahren wollte der damalige Kanzler Helmut Schmidt den Grundstein für einen flächendeckenden Glasfaserausbau legen, wodurch Deutschland nach dem damaligen 30-Jahres Plan gegen 2015 flächendeckend mit Glasfaser versorgt gewesen wäre. Im Nachhinein betrachtet kann man sagen, die Regierung Kohl hat ihrem Land mit der Entscheidung, statt Glasfaser lieber das Kabelnetz auszubauen, enorm geschadet.

Dabei könnten wir gerade heute, wo durch die Pandemie immer mehr Menschen ins Homeoffice wechselten, eine stabile und schnelle Internetverbindung gut gebrauchen, ganz zu schweigen davon, dass dies den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken würde.

Schwarz auf Weiß, und zwar auf Papier!

Nichts liebt der Deutsche Bürokrat mehr als seine Kopien in x-facher Ausfertigung. Je mehr Papier, desto besser. Noch im Jahr 2017 verbrauchten Bundesregierung und Bundesverwaltung rund 1,255 Milliarden Blatt Papier. Anfang 2019 noch titelte die Tagesschau, dass die Bundesregierung jährlich rund 6000 Tonnen Papier verbrauche. Stapelte man dies aufeinander, erhielte man einen Turm aus Papier von etwa 190 Kilometern Höhe. Nicht nur für die Umwelt, aber auch für die Übersichtlichkeit, Ordnung und den Durchblick sowohl der Ämter und Behörden als auch der Bürger wäre es deutlich sinnvoller, weitestgehend auf Papier zu verzichten und hier auf fortschrittlichere Methoden zu setzen. Kommunikation zwischen Verwaltung und Bürger könnte beispielsweise weitestgehend per Mail ablaufen. Die Dokumentation könnte in hierfür geeigneten Datenbanken und Speichereinrichtungen erledigt werden. Es gibt wirklich kaum einen vernünftigen Grund, im Jahr 2021 noch auf papierhafter Datenspeicherung zu bestehen.

Im gleichen Atemzug könnte man auch endlich mit diesen unseligen Behördengängen aufhören und mehr auf das sogenannte eGovernment setzen. Unsere skandinavischen Nachbarn in Dänemark sind da z.B., zusammen mit Norwegen, Finnland, den Niederlanden und Schweden absolute Vorreiter. Laut einer Statistik von de.statista.com ist der Anteil der Nutzung hier mit 92% in Norwegen, 91% in Dänemark, 88% in Finnland und jeweils 86% in den Niederlanden und Schweden am Höchsten. Deutschland liegt hier mit nur rund 66% auf einem abgeschlagenen 10. Platz. Wir stehen hier, im Vergleich, noch ganz am Anfang. Während in Frankreich der Bürger die meisten seiner Belange problemlos per Mail mit seiner Verwaltung klären kann, hapert es da hierzulande mitunter noch sehr. Für viele Dinge gibt es bei unseren Nachbarn Frankreich und Österreich sogar die Möglichkeit, viele Belange völlig ohne Behördenbesuch, ausschließlich über eigens hierfür bereitgestellte Webschnittstellen zu erledigen. In Österreich gibt es Dutzende Dienste und eGovernment Anwendungen, mittels derer man sich viele Behördengänge teilweise komplett sparen kann. Währenddessen antworten manche Deutschen Behörden nicht einmal auf EMails und für viele Dinge ist der Gang zur Behörde nach wie vor unausweichlich.

Papier ist geduldig!

Auf dem Papier, das muss man zugeben, ist Deutschland zumindest bemüht. Auch hat sich seit dem letzten Beitrag des Autors zu diesem Thema in der Tat Einiges getan, nicht zuletzt auch dadurch, dass die Pandemie hier zum Handeln zwang. In vielen Bereichen kann man zumindest mittlerweile den Behördengang insofern erleichtern, dass man sich online einen Termin buchen kann, wie beispielsweise bei Zulassungsämtern. Aber hier ist noch viel zu tun. eGovernment ist nicht nur bequemer und flexibler für die Menschen, es würde auch die unendlichen Papierberge, in denen deutsche Behörden geradezu ertrinken, verringern. Der Blick zu den Nachbarn in Skandinavien, Frankreich und Österreich zeigt, wie es sein könnte.

Es ist nicht alles schrecklich, packen wir es an

Zugegebenermaßen klingt die obige Bestandsaufnahme nicht gerade toll. Deutschland hat sich sehr lange auf seinem “Nachkriegsboom” ausgeruht und davon gezehrt, dass es eine Zeit lang recht innovativ und fortschrittlich gebaut, geplant und entwickelt hat. Währenddessen ist aber die Zeit nicht stillgestanden und während sich Andere mitentwickelt haben, dachte sich Deutschland an vielen Stellen leider “das reicht ja so“. Das mag in vielen Punkten ja auch stimmen; gerade die Kritik an den Internetgeschwindigkeiten ist im richtigen Kontext zu sehen. Die Mehrheit der Deutschen wird die “schnellen” 1 GBit/s (in der Schweiz gibt es z.B. Tarife mit bis zu 10 GBit/s) nicht brauchen, das ist klar. Nur die Wenigsten werden stetig große Mengen an Daten bewegen müssen und für den “Otto-Normal-Nutzer” werden die gängigen “Highspeed” Tarife mit um die 100 MBit/s völlig ausreichen.

Wenn wir allerdings danach gehen, müssten wir sehr viele Dinge, die wir stetig weiterentwickeln und verbessern, nie wieder anfassen. “Ausreichend” ist nicht umsonst in der Schule die Note, mit der man eben gerade noch so durchkommt. Wann hat das eingesetzt, dass wir nicht mehr Gut oder sogar Sehr Gut sein wollen, und uns schon ein Ausreichend genügt? Selbst, wenn wir keinen derartigen Ehrgeiz mehr haben sollten, werden wir uns auf unserem Ausreichend nicht ewig ausruhen können. Der Rest der Welt wird nicht auf uns warten und je besser die durchschnittlich verfügbaren Anbindungen werden, desto eher wird das dazu führen, dass Anwendungen größer werden, Patches mehr Platz einnehmen und mehr Daten brauchen. Der Trend ist ja schon bemerkbar; bei vielen Client Games lädt man für die nächste Expansion heutzutage schon mal 20-30 GB oder mehr herunter.

Schnelles, günstiges Internet flächendeckend bereitzustellen ist auch nicht unmöglich. Das zeigen gerade Länder wie Rumänien, die Tschechei, Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate deutlich. Diese Länder belegen regelmäßig Höchstplätze in den Statistiken zur durchschnittlich gemessenen Geschwindigkeit.

Verbindung ist alles, der Rest fällt danach leichter

Tatsächlich ist eine schnelle und stabile Verbindung der Grundpfeiler, auf dem alle anderen genannten Innovationen und Verbesserungen aufbauen.

Mit einer flächendeckenden, stabilen und schnellen Verbindung könnte man weitestgehend auf Bargeld verzichten. Das ist bequemer und dann endlich auch schneller. Zudem ermöglicht eine schnelle, stabile Verbindung einen zügigen Datentransfer. Wer schnell und zuverlässig viele Daten transportieren kann, wird schnell die Vorteile einer papierlosen Dokumentation und Datenspeicherung zu schätzen lernen. Dies schafft Platz, ist besser für die Umwelt und mit entsprechend vernünftig gestalteter Software angenehmer und übersichtlicher für den Bürger und die Verwaltungsbehörden. Damit öffnen sich dann auch Möglichkeiten, weitestgehend auf tatsächliche Behördengänge zu verzichten – es müssen keine Dokumente in x-facher Ausführung mehr hin- und hertransportiert werden und wenn eine Behörde einen Nachweis oder ein Dokument braucht, kann der Bürger dies entweder als Anhang versenden, über ein Webinterface direkt auf den Behörden-Server hochladen oder die Behörde bekommt die Möglichkeit, sich diese mit Einverständnis des Bürgers direkt selbst vom Speicherort zu holen.

Dies alles hätte auch weitreichenden Einfluss auf viele andere Bereiche; so könnte dies zum Beispiel eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze schaffen, denn all diese Webinterfaces und Systeme müssten natürlich erstmal entwickelt und dann gewartet werden. Zudem müssen Fachleute sich stetig damit befassen, dass dieses System datensicher bleibt.

Es fehlt das Vertrauen

Es gibt viel zu tun. Da liegt noch eine Menge Arbeit vor uns. Bei den etablierten Parteien zeigt sich indes keine Regung, diese Arbeit ernsthaft und vernünftig angehen zu wollen. Auch traut man es kaum einem der Akteure überhaupt zu, den Digitalen Wandel meistern zu können. Zu Beginn letzten Jahres bezog sich z.B. ein Artikel in der Zeit auf eine Umfrage des Allensbach Instituts, aus der hervorging, dass 47% der Befragten die Bundesregierung für “weniger kompetent” hielten, den Digitalen Wandel in die Wege zu leiten und erfolgreich zu gestalten. 10% der Befragten meinten gar, sie sei “gar nicht kompetent“. Dass dieser wiederum ein immens wichtiges Thema sei, darin waren sich 90% der Befragten einig. Wenn von 90% der Befragten insgesamt 57% nicht der Ansicht sind, dass eine Regierung die Anforderungen des Digitalen Wandels meistern könne, spricht das schon eine deutliche Sprache.

Und gut aufgestellt sind wir da ja wirklich nicht. Es gibt kein Digitalministerium und die, die sich behelfsweise mit Digitalem Wandel und dem #Neuland beschäftigen sollen, sind oftmals nicht authentisch und machen nicht den Eindruck, Digital Natives zu sein. Doch genau das bräuchten wir, wenn wir aufholen wollen. Wir brauchen Menschen, die sich mit Digitalisierung, Innovation und Fortschritt auskennen und dem Digitalen Wandel in Deutschland den nötigen Drive verschaffen können. Die finden sich mitunter leider nicht in den etablierten Parteien.

Vertrauen bilden durch Leistung und Expertise – die Kleinen schaffen das

Die Lösung könnten weniger etablierte, sogenannte Kleinstparteien sein. Zum Beispiel finden sich bei der Partei der Humanisten und der Piratenpartei Deutschland Unmengen an Digital Natives. Viele davon bringen hier echte Expertise und Erfahrung aus dem täglichen Erleben, Nutzen und Arbeiten an und mit digitalen Medien und neuen Technologien mit. Und eines bringen sie noch mit, das mitunter am Wichtigsten ist: sie sind unverbraucht, noch nicht korrumpiert und noch nicht resigniert. Sie wollen Dinge anpacken und verbessern.

Diesen frischen Drive braucht Deutschland. Dann funktioniert das auch mit der Digitalisierung in Deutschland. Wir können das nämlich eigentlich.

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